Geschichten von Schwertern und Zauberei

Der Kohler – 3

This entry is part 3 of 25 in the series Der Kohler

Am Morgen im Gasthof

Johan hatte gut geschlafen. Er freute sich zwar nicht auf die Beleidigungen und Schuldzuweisungen des Tages, aber war guter Dinge, dass die meisten Bauern seine subtilen Hinweise verstanden hatten. Die restlichen Truppen und Rekruten erwarteten sie erst am Nachmittag. Greifenstedt, war zu Fuß einen knappen halben Tag entfernt, die Rekrutenwagen waren so früh in der Saison meist noch etwas langsamer.

Er trat aus dem Gasthaus in den Innenhof, um zur Latrine zu gehen. Der Hof war angefüllt mit drei Gitterwägen der Reichsarmee. Die Rekruten aus Greifenstedt füllten die einzelnen Wägen, manche schauten lustlos, andere hatten nur erschöpft die Köpfe gesenkt. Johan erkannte auch eine Reihe von den Jungen und Mädchen hier aus Talgede. Sie saßen in kleinen Trauben am Boden, eng zusammen gedrängt gegen die morgendliche Kälte, teilten sie sich viel zu wenige Decken. Unter der Aufsicht von Harald bereiteten einige Soldaten schon die Deichseln vor. Die übrigen waren damit beschäftigt herumzustehen und die Kinder bedrohlich anzufunkeln.

Selbstverständlich gab es für die Rekruten keine Zugtiere. Tagsüber wurden sie an die Deichseln gebunden und nachts schliefen sie in den Gitterwägen. Dass die Wägen heute alle hier waren hieß, die armen Kinder hatten die ganze Nacht hindurch die Karren hergezogen.

[alt2] Johann zuckte zusammen, als der Hauptmann ihm unvermittelt den Arm um die Schulter legte. In einer viel zu engen Umarmung aus verschwitztem Leder, altem Qualm und saurem Wein zog der ihn über den Hof. „Das hat doch einmal großartig geklappt mein Bester! Hätten sie den Bauern nicht so glaubhaft versichert, dass wir die Kinder erst morgen abholen, wer weiß wie viele noch abgängig geworden worden.“

Johann spannte sich und versuchte nach vorne zu entkommen, aber der Hauptmann hatte seine Schulter schmerzhaft fest im Griff. Er lehnte seinen Kopf nach vorne, bis sie beinahe Stirn an Stirn standen, dann knurrte er: „Das wäre verräterisch schlecht gewesen, wenn wieder so viel Rekruten plötzlich die Verwandten besuchen, wie in Greifenstedt.“ Johann spielte einen Augenblick lang mit dem Gedanken seinen Kopf nach vorne und oben zu reißen, dem Kerl die Nase zu brechen, gleichzeitig faselte er unzusammenhängenden Widerspruch. Der Hauptmann kam ihm zuvor und nickte einmal, ließ seine Stirn mit einem trockenen Tock an Johann’s schnellen. Der war kurz geblendet, aber mehr vom Schreck als vom Schmerz. Immerhin hatte der Kerl ihn losgelassen und er taumelte ein paar Schritte zurück. „Was fällt ihm ein!“ seine volle Blase hatte er vergessen. „Ich werde mich über ihn beschweren“ echauffierte er sich. „Machen sie das“ grinste der Hauptmann „Und seien sie froh, dass einige der Bauern hier zwei Söhne hatten, sonst könnten sie sich darüber beschweren, dass sie vor die Karren gespannt wurden. Jetzt verpissen sie sich, sonst find ich einen Platz für sie“.

Johan flüchtete in die Latrine, er stand lang zitternd vor der Rinne, bis die Natur stärker als seine Aufregung wurde. Erleichtert war er dennoch nicht, als er wieder in den Hof trat.

Auftrag im Wald

Nach einer unruhigen Nacht, saß der Kohler vor der Hütte und flocht Weidenzweige und Flachs in ein enges Gitter. Esel und Ziege ästen gemütlich am Rand der Lichtung und machten beim Fressen einen großen Bogen um Meiler und Pechstein. Die Ziege gab schon lange keine Milch mehr, also hatte er sie nur zu füttern, den Esel hatte er schon gebürstet. Die drei Hühner gluckten unzufrieden in ihren engen Käfigen, aber der Unterstand war noch nicht dicht genug, um sie hinein zu setzen.

Etwa die Hälfte des Morgens war verstrichen, bis die Einfriedung des Anbauschuppens so dicht geflochten war, dass die Hühner nicht mehr ihre Hälse hindurchstecken konnten. Er setzte sie hinein, warf ihnen zwei Handvoll Körner auf den Boden und begann die Ziege einzufangen.

Eine Weile später gingen der Esel und der Kohler leicht beladen in Richtung des Unterstandes an der Kreuzung Die Ziege stand auf einem Baumstumpf am Rand der Lichtung und schaute ihnen unverwandt hinterher. Der Esel trug zwei leere Eimer, der Kohler hatte eine Schaufel auf der Schulter und ein kleines Beil am Gürtel. An den tieferen Löchern im Weg blieb er manchmal kurz stehen, während der Esel weiterlief.

Der Esel kam ein Stück vor dem Kohler am Hauptweg an, er blieb etwas unschlüssig stehen, schüttelte sich ein paar Mal, aber leider lösten sich die Eimer nicht. Also wartete er geduldig und beäugte die Männer im Unterstand.

Als wenige Minuten später der Kohler vom kleinen Seitenweg aus dem Wald trat, blickte er zuerst auf den Käfig, dann auf die drei Männer, die im Unterstand saßen und lagerten. Er atmete tief durch und legte seine große Hand auf den kleinen Kopf des Esels.

Eine der drei Männer erhob sich von dem Baumstumpf an der kleinen Feuerstelle im Unterstand auf. Mit vorgerecktem Kinn kam er die paar Meter über den Weg heran, blieb breitbeinig stehen und richtete sich vor dem Köhler auf. Der neue Wildhüter, vielleicht schon immer ein Wildhüter der Familie Greif, aber erst seit ihrer Installation hier der neue Wildhüter, war ein Mann durchschnittlicher Größe, überdurchschnnittlichen Bauchumfangs und ausgeprägtem Geltungsbedürfnis.

„Bist endlich aus deinem Rußofen gekrochen?“ fragte Hjallman den Kohler „Wir sitzen hier schon zwei Pfeifenlängen und haben noch nichts von dir gesehen. Stehst du immer so spät auf?“ Der Esel sah zum Wildhüter hoch und der Kohler sah zum Wildhüter herunter. „Du sollst im Tiefwald den frischen Schlag säubern“ Hjallman runzelte die Stirn „Hast du mich verstanden? Langsamer und etwas lauter: „Die frisch gefällten Bäume entasten sollst du. Kannst du das?“

Der Kohler schaute zum Käfig hinüber.

 „Was glotzt du denn? Hjallman machte einen Schritt auf den Hünen vor sich zu, schob sein Kinn noch etwas weiter vor:“ Hast du noch nie einen Deserteur gesehen?“ Der Kohler beugte den Kopf nach unten, sein Bart schob sich etwas nach vorne. Er kratzte sich langsam am linken Rippenbogen, machte einen Schritt zurück. Der Wildhüter nickte scharf: „Los jetzt“ blaffte er ihn noch einmal an.

Hjallman drehte sich mit einem gemurmelten: „Schwachkopf“ zum Unterstand. Er griff ein Scheit vom Feuerholz und schlug damit gegen den Käfig. „Genug gefaulenzt“ Der dünne Jugendliche im Käfig kauerte sich im engen Käfig tiefer zusammen. „Auf jetzt, Ihr auch“! Die beiden anderen Männer rappelten sich grummelnd auf. Der kleinere von beiden machte sich am Käfig zu schaffen, er löste das Tau mit dem der Käfig verschlossen war, Fluchend und schimpfend, weil er mit einer Hand den Käfig halten und mit der anderen den Knoten lösen musste, dabei rammte er sich mehrmals den schweren Käfig an die Schienbeine. Übel gelaunt zerrte er den Jungen heraus, stieß ihn zu Boden und gab ihm noch ein paar Tritte.

Der größere hatte inzwischen die drei Reitpferde hinter dem Unterstand eingesammelt. „Hey, pass auf, dass er noch laufen kann.“ Schnauzte er: „Oder willst du laufen, wenn ich ihn auf dein Pferd binde?“

Der Kleine grinste: „Wir binden ihn einfach auf den Esel hier, auf den großen“ Er zerrte den Jungen auf den Weg, vor den Kohler, der immer noch nur einen halben Schritt auf dem Weg stand. Der kleine schmutzig blonde Mann hatte sein Gesicht zu einem breiten Grinsen verzogen. Er ließ den Jungen los, aber noch bevor der sich sammeln konnte, versetzte er ihm einen achtlosen Rückhandschlag. Er schob seine Zunge durch die zersplitterten Zähne in seinem Oberkiefer, so dass sie wie eine stinkende Schnecke unter seiner krummen Nase hervorlugte. „Schöner Esel“ er tätschelte dem kleinen Esel an die Backe, dabei starrte er unverwandt in die Augen des großen Mannes. Der Kohler atmete heftiger, er lehnte sich zurück, weg von dem hässlichen kleinen Mann.

„Kraki lass den Schwachkopf, ich will weiter“. Kraki drehte sich kichernd um, er fing das Seil auf, dass ihm Hjallman zuwarf und bandes dem Jungen um den Bauch. Alle drei steigen auf und ritten los. Hjallman vorweg, Kraki und der Junge hinter ihm. Den Schluss machte der Große Bjari, der sich mehrmals stirnrunzelnd nach dem zitternden Mann am Wegesrand umsah, der starr stand, die Hand fest in die Mähne des kleinen Esels gekrallt.

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